Brief des Abiturjahrgangs an Herrn Rabe und die BSB

Sehr geehrter Herr Rabe, sehr geehrte Damen und Herren der Behörde für Schule und Berufsbildung Hamburg,

Wir richten uns im Namen der Abiturienten des Carl-von-Ossietzky-Gymnasiums Hamburg an Sie.
In der vergangenen Woche haben sich die Profilsprecher der 12. Stufe zusammengeschlossen, um sich über die momentane Situation zu beraten. Unser Ziel ist es unseren MitschülerInnen ihre zustehenden Partizipationsmöglichkeiten zu ermöglichen. Wir haben für unsere Stufe eine Umfrage entworfen, um ein repräsentatives Meinungsbild einzuholen und damit eine faktenbasierte Diskussion zu ermöglichen. Es ist uns ein großes Anliegen, dass alle Meinungen gehört werden. Wir treten an Sie heran, um zu zeigen, dass die Diskussion um das Durchschnittsabitur nicht von dem „faulen Schüler“ ausgeht, sondern von demokratischen und engagierten SchülerInnen, welche über den Tellerrand blicken. Aus der von uns initiierten Umfrage ging Folgendes hervor:

Der Großteil der SchülerInnen fühlt sich durch die getroffenen Hygienemaßnahmen (Stand 1.4.2020) nicht ausreichend geschützt. Das gaben 65,1% der SchülerInnen an. Dieser hohe prozentuale Anteil zeigt, dass die Angst vor einer Ansteckung groß ist, denn mehr als Dreiviertel der SchülerInnen finden, dass das Infektionsrisiko zu hoch ist. Diese finden, dass unter den gegebenen Hygienemaßnahmen die Klausuren, wie geplant, nicht stattfinden können. Die Auswertung der Umfrage zeigt, dass sich nur 7,8% geschützt fühlen. Das ist nicht ausreichend! Die Abiturprüfungen, aber auch bereits die Vorbereitung auf diese, erfordern ein Höchstmaß an Konzentration, was in dieser Extremsituation nur bedingt oder nicht möglich ist.

„Der Lernstoff, der im Abitur abgeprüft wird, ist der Stoff der ersten drei Semester, die schon Ende Januar beendet waren, sodass hier kein dringender Unterrichtsbedarf besteht, um die entsprechende Vorbereitung zu gewährleisten.“ Dies sagten Sie, Herr Rabe, in der Pressekonferenz am 13.03.2020. Das ist schlichtweg falsch. Denn unter anderem in den Fächern Biologie, Religion, Psychologie und Mathematik ist das vierte Semester elementarer Bestandteil der Abiturthemen. 60,5% unserer MitschülerInnen sind davon betroffen. In Zuge dessen gaben 62% an, dass diese Themen nicht ausreichend vermittelt werden konnten.

Der Großteil der LehrerInnen zeigt großes Engagement, die SchülerInnen per Homeoffice zu unterrichten und zu unterstützen. Trotzdem fühlen sich 38% nicht gut vorberietet. Dies liegt unter anderem am fehlenden technischem Equipment, schwieriger Kommunikation, der fehlenden Möglichkeit zum spontanen Austausch und fehlenden Rückzugsorten.

Da es in Mathematik durch die Schulschließungen zu großen Lücken in den Themen gekommen ist, sprechen sich 82% dafür aus, dass die KurslehrerInnen einen nicht ausreichend unterrichteten Themenbereich rausstreichen können.

Die Akzeptanz der wegfallenden Zweitkorrekturen ist sehr durchmischt. So sind 31,1% mit der Maßnahme zufrieden, 32,2% dagegen nicht. Die Bedenken sind berechtigt. Subjektive Bewertungen, Benachteiligungen und Ungerechtigkeit sehen wir SchülerInnen als problematisch an. Denn die wegfallenden Zweitkorrekturen könnten im schlimmsten Falle zum Nichtbestehen des Abiturs führen.
Wir fordern deshalb, dass eine Zweitkorrektur bei einem/r SchülerIn erfolgen muss, falls diese/r das Abitur sonst nicht bestehen würde!

Die Diskussion, ob das Abitur wie geplant durchgeführt werden kann, hat in den letzten Wochen die Berichterstattung der Medien maßgeblich beeinflusst. Uns war es wichtig zu ermitteln, welche Meinung die Mehrheit unseres Jahrgangs vertritt.
Für eine Verschiebung des Abiturs und der regulär dazugehörigen Prüfungen haben sich 76,8% ausgesprochen. Sie finden, dass es unter den momentanen Umständen unzumutbar und verantwortungslos ist, die Prüfungen wie geplant schreiben zu lassen.
Insgesamt sind 72,7% dagegen überhaupt schriftliche Klausuren abzuhalten. Deswegen fordern 62% der SchülerInnen statt regulären Abiturprüfungen ein Durchschnittsabitur! Wir appellieren an Sie, die Meinungen dieser zu hören und ernst zu nehmen!
Abgesehen davon fordern 66,4%, dass sich jeder individuell für eine Form des Abiturs entscheiden kann.

Des Weiteren bleiben viele Fragen weiterhin ungeklärt. Die anhaltende Ungewissheit, sowohl schulisch als auch privat, lähmende Existenzängste, die Betreuung von jüngeren Geschwistern und die Erkrankung von Angehörigen führen zu Stress, Unausgeglichenheit und mangelnder Konzentration. Das sind keine akzeptablen Zustände für ein Abitur!

Wie laufen die Nachschreibetermine ab? Wie wird mit Risikogruppen umgegangen? All diesen Fragen stehen wir unbeantwortet gegenüber, wird es eine allgemeingültige Regelung geben? Wir fordern eine offizielle Stellungnahme von Ihnen, Herr Rabe !
Aus unseren Umfragewerten geht hervor, dass es am fairsten ist, wenn jede Schulleitung mit den Betroffenen Rücksprache hält, um den jeweiligen Bedürfnissen gerecht zu werden.
Wir fordern verschärfte Hygienemaßnahmen, denn es genügt nicht, wenn es ausreichend Toilettenpapier, Seife und Handtuchpapier gibt. Das sollte der Normalfall an jeder Schule sein!

Aus den oben genannten Gründen finden wir, dass kein Abitur zum angedachten Zeitpunkt stattfinden kann. Wir halten es für unverantwortlich von der Stadt, unter solchen Umständen zu fordern, dass sich SchülerInnen für bis zu sechs Stunden in einem Raum versammeln, um eine Abschlussprüfung abzulegen, welche über ihre Zukunft entscheiden.
Was wiegt schon ein Abitur gegen die Gesundheit aller?

Wir haben unsere Möglichkeiten genutzt, die unsere Demokratie uns bietet und stehen für unsere Rechte ein.
Wir haben uns zusammengeschlossen und fordern :

Differenzierte Entscheidungen für das Abitur 2020 !
Hören Sie uns Schülerinnen und Schüler!

„Man kann nicht kämpfen, wenn die Hosen voller sind als das Herz.“ -Carl von Ossietzky

Der Abiturjahrgang des Carl-von-Ossietzky-Gymnasiums

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